Ich habe geglaubt, dass Arbeit alles rechtfertigt. Ich bin früh aus dem Haus gegangen und spät zurückgekommen. Ich habe mich müde gefühlt und habe gedacht, Müdigkeit sei ein Beweis von Verantwortung. Ich habe nicht gefragt, wie ihre Tage waren.
Ich habe Ordnung gebraucht. Ich habe Ruhe gebraucht. Ich habe mich gestört gefühlt, wenn das Kind schrie. Ich habe mir gesagt, dass man sich beherrschen muss. Ich habe nicht verstanden, dass sie keine Pause hatte.
Ich habe sie angesehen und gesehen, dass sie sich veränderte. Ich habe gedacht: So ist das eben. Ich habe ihre Erschöpfung für Normalität gehalten. Ich habe geglaubt, Frauen seien dafür gemacht, mehr auszuhalten.
Ich habe meine Mutter sprechen lassen. Ich habe ihr geglaubt. Ich habe gedacht, Erfahrung sei wichtiger als Nähe. Ich habe nicht bemerkt, dass Katrin immer leiser wurde.
Ich habe Angst gehabt, nicht zu genügen. Ich habe diese Angst nicht gezeigt. Ich habe sie in Ungeduld verwandelt, in Schweigen, manchmal in Härte. Ich habe geglaubt, mir stehe das zu.
Ich habe Entscheidungen getroffen, ohne sie zu fragen. Ich habe gesagt: Das ist besser so. Ich habe gesagt: Die Leute reden. Ich habe nicht verstanden, dass sie längst aufgehört hatte, sich zu verteidigen.
Ich habe ihre Fürsorge angenommen. Ich habe mich trösten lassen. Ich habe ihre Nähe gebraucht und ihre Bedürfnisse übersehen. Ich habe gedacht, sie sei stark.
Ich habe sie krank gesehen. Ich habe Angst gehabt, sie zu verlieren. Ich habe mich beeilt, wieder zur Ordnung zurückzukehren. Ich habe nicht gefragt, was sie brauchte.
Ich habe gemerkt, dass sie sich veränderte, als sie zu arbeiten begann. Ich habe mich zurückgesetzt gefühlt. Ich habe Eifersucht gespürt. Ich habe nicht begriffen, dass sie sich selbst suchte.
Ich habe Erfolge gehabt. Ich habe gedacht, wir seien angekommen. Ich habe nicht gesehen, was sie dafür aufgegeben hatte.
Ich habe ihre Wut gespürt und habe sie gespiegelt. Ich habe geschwiegen, wenn sie schwieg. Ich habe geglaubt, dass das vorbeigeht.
Ich habe ihre Verzweiflung nicht verstanden, als sie sich verletzte. Ich habe sie gehalten. Ich habe gelogen, um sie zu schützen. Ich habe gehofft, dass niemand fragt.
Ich habe akzeptiert, dass sie eine Grenze zog. Ich habe gelernt, neben ihr zu leben. Ich habe nicht gelernt, wirklich zuzuhören.
Heute sehe ich unsere Kinder. Ich sehe, was sie ihnen gegeben hat. Ich sehe, was ich ihnen nicht gegeben habe.
Ich sehe unsere Tochter. Ich erkenne meinen Zorn in ihr und Katrins Widerstand. Ich frage mich, ob sie freier sein wird.
Ich weiß nicht, ob ich sie geliebt habe, wie sie es gebraucht hätte. Ich weiß nur, dass ich oft anwesend war und dennoch gefehlt habe.
